Geduld und Caresse
Im Jahr 1666 brachte der Franke Christoph Enoch von Wildenstein ein kleines Buch heraus, das er Opuculum Equestre nannte: Kleines Reiterwerk. Und er widmete es seinem Landesherrn, Christian Ernst, wie es den Gepflogenheiten jener Zeit entsprach.
Das Besondere an dieser Schrift sind nicht die ausgefeilten Reitübungen, die er anbietet. Es ist die Textform an sich, die als Dialog gehalten ist. Man denkt an eine antike Bühne und könnte darin ein Bühnenstück vermuten, doch es fehlen Regieanweisungen. Für die Bühne war es also nicht gedacht.
Vermutlich aber eiferte Wildenstein der im Jahr 1623 posthum erschienenen Manège Royal nach, die der Franzose Antoine de Pluvinel seinem König Ludwig XIII. gewidmet hatte. Auch hier besteht der Text aus Unterweisungen des Reitschülers durch den Reitmeister resp. den Autor.
Christian Ernst mag sich daher vielleicht geschmeichelt gefühlt haben, auf diese Art mit dem französischen König verglichen zu werden.
Zu Wildensteins Leben gibt es keine validen Indizien. Lediglich ein paar hinterlassene Prozessakten sind auffindbar, in denen C.E.v. Wildenstein als Kläger und ein andermal als Beklagter auftaucht. Demnach scheint er ein durchaus streitbarer, um nicht zu sagen, ungemütlicher Zeitgenosse gewesen zu sein.
Mithin konnte er sich offenbar plausibel als Reitmeister darstellen. Das Opusculum Equestre hat er in der Folge allerdings nicht wieder neu auflegen lassen, wie es andere seiner Zunft (oder deren Nachfolger) taten.
Und doch sticht es aus der Reitliteratur des Barocks dadurch heraus, dass es nicht nur eine besondere Form des Reitens beschreibt, sondern die Anweisungen des Meisters schildert. Der Leser steht gleichsam an der Bande und sieht den beiden beim Unterricht zu.
Und typisch (schon damals!) für die Ausbildung von Reitkunstpferden, legt Wildenstein ebenso großen Wert auf den richtigen Umgang mit den Tieren: viel Geduld, viel Loben und viel Streicheln.